Deutscher Gewerkschaftsbund

Geschichte des 1. Mai in München

1890: Verbot roter Abzeichen

1.Mai - Abzeichen

(Sammlung Klaus Dittrich, DGB Bildungswerk)

Welche Furcht die erste großangelegte Manifestation der Arbeiterschaft am 1. Mai den Münchener Ordnungsbehörden einjagte, geht aus einer Polizeiverordnung zum 1. Mai 1890 hervor:


"Die Versammlungen und Familienunterhaltungen werden polizeilich überwacht. Ebenso die Ausflüge. Ohne besondere Veranlassung soll nicht eingeschritten werden. Dagegen ist gegen Exzesse mit aller Energie einzuschreiten. Hinsichtlich der Ausflüge wird das Tragen roter Abzeichen (mit Ausnahme von Blumen), das Gehen in geschlossenem Zug (hin und zurück) und das Singen Revolutionärer Lieder nicht gestattet. Die Garnison hat den ganzen Zug über entsprechende Bereitschaft (Infanterie und schwere Reiter). Die Residenz-, Haupt- und Zuchthauswache sind verstärkt."


Trotz aller Befürchtungen seitens der Ordnungsmacht verlief der Tag absolut friedlich und ohne Störungen. Sogar Behörden und bürgerliche Parteien konnten der Münchener Arbeiterschaft ihre Anerkennung für die besondere Disziplin nicht versagen, was auch in einer bürgerlichen Zeitung zum Ausdruck kam, deren Artikel über den 1. Mai 1890 die sozialdemokratische Münchner Post am 17. Mai 1890 nachdruckte:


"Auf dem Waldfestplatze der Restauration Holzapfelkreuth waren wohl mehr als 30.000 Menschen in fröhlichern Treiben. Kurz nach 7 Uhr sammelten sich die Massen zu dem gemeinsamen Rückzug nach der Stadt, der auch um 8 Uhr mit Lampions angetreten wurde und in geradezu musterhafter Weise sich vollzog. Nach der Verordnung der k. Polizeidirektion mussten die Lampions bei der Bahnüberfahrt bei Sendling ausgelöscht werden und kam man dieser polizeilichen Verordnung - wenn auch teilweise unter Murren - doch allseits nach. Der Anblick dieser durch die roten Lampions sich aus dem Dunkel der Nacht wirksam abhebenden Schlangenzüge war ein brillanter. Wie der ganze Tag verlief auch der Rückzug in musterhafter Ordnung, auch ohne eine einzige Ausschreitung, was bei so enormen Volksmengen gewiss von ausgeprägt vorhandener Disziplin zeugt. Die Polizeimacht war in der überhaupt möglichsten Zahl vertreten, worüber deren Organe manchmal naiv selbst ihre Verwunderung zum Ausdruck brachten. Doch halt! Auf dem Festplatz wurden die von einer Auflage von 20.000 noch vorhandenen 300 Exemplare der gestrigen Münchner Post wegen des Bildes auf der ersten Seite, in welchem die Polizei eine Aufforderung zur Umstürzung des Thrones erblickt haben will, polizeilich konfisziert. Die Garnison hatte wieder bis nachts 12 Uhr Bereitschaft und wird froh sein, dass der gefürchtete aber so harmlos verlaufene Tag endlich vorüber ist. Auf Schloss Fürstenried lag wieder eine Verstärkung des Wachkommandos und patrouillierten Soldaten zu je 2 Mann an allen Enden des Schlosses nach den von diesem auslaufenden Wegen. Auch ihre Tätigkeit war, wie vorauszusehen, eine völlig vergebliche. Die Versammlung ist der Aufforderung ihrer Führer, zu zeigen, dass die Polizei sich unnütz fühlen muss, im vollsten Sinne des Wortes nachgekommen."


Aus diesen Zeilen klingt die Einsicht selbst von bürgerlicher Seite an, dass die Behörden an diesem 1. Mai 1890 wirklich den "Teufel an die Wand gemalt" hatten. Besonders erwähnenswert ist, dass die "Demonstranten" trotz des Verbotes von roten Abzeichen auf dem Rückmarsch ihre roten Lampions unbehelligt bis zur Stadtgrenze mitführen konnten. Insgesamt war dieser "erste" 1. Mai auch in München eine friedlich, aber dennoch machtvolle Manifestation der Arbeiterschaft, um auf ihre sozialen Forderungen aufmerksam zu machen.


Dass die Forderung der Arbeiterschaft nach dem achtstündigen Arbeitstag nur zu berechtigt war, zeigt ein Blick auf die durchschnittlichen Arbeitszeiten in den verschiedenen Münchener Betrieben um die Jahrhundertwende. Arbeitszeiten von 14 bis 16 Stunden waren durchaus üblich, oftmals 14 Stunden ohne Pause. Einen zweifelsohne bedeutenden Fortschritt auch für die Münchener Arbeiterschaft bedeutete das Auslaufen des Sozialistengesetzes am 30.9.1890. Die 1891 als Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) endgültig etablierte deutsche Sozialdemokratie, die Freien Gewerkschaften und die verschiedenen Arbeitersport- und -kulturvereine hatten ab 1890/91 sprunghaft ansteigende Mitgliederzahlen zu verbuchen. Innerhalb der Arbeiterbewegung entwickelte sich so eine Aufgabenteilung auf drei Ebenen. Die Partei lenkte ihre Anstrengungen auf die eigentliche politische Arbeit durch parlamentarische Aktivitäten. Die Interessenvertretung der Arbeiter am Arbeitsplatz wurde von den Gewerkschaften wahrgenommen, während die Bedürfnisse nach geselliger Freizeitgestaltung in den Zuständigkeitsbereich der verschiedenen Arbeitersport- und -kulturvereine fielen. Auch die Ausgestaltung der von SPD und/oder Freien Gewerkschaften veranstalteten Maifeiern war Aufgabe der Arbeitervereine. So wurde die große Maifeier des Jahres 1900 in Holzapfelkreuth maßgeblich vom "Arbeiterradfahrerbund Solidarität" gestaltet.


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