Deutscher Gewerkschaftsbund

Geschichte des 1. Mai in München

1952: Wirtschaftswunder und Wasserwerfer

Wasserwerfer

Wasserwerfer
1.Mai 1953, Luisenstraße
DGB-Bibliothek

Bis 1952 waren die Münchner Gewerkschafter in einem DGB-Ortsausschuss organisiert, die umliegenden Gemeinden des Landkreises waren im DGB-Kreis München-Land vereint. Alle größeren Orte des Landkreises hielten eigene, sehr gut besuchte Maiveranstaltungen mit anschließendem Maitanz ab. Mit der Neuorganisation des DGB-Keises München wurden die Maiveranstaltungen der Münchner Umlandgemeinden immer seltener.


Am Ende der Kundgebung zum 1. Mai 1953 mit 80.000 Teilnehmern auf dem Königsplatz trugen die Heimkehrenden auch beim Abzug Transparente. Daraufhin kam in der Luisenstraße ein Wasserwerfer zum Einsatz. Die mit Stahlhelmen und Karabinern ausgerüstete blaue Sicherheits-Polizei, von den Münchnern "SS" genannt, ging mit Gewehr im Anschlag gegen die Menschen vor, die gegen den Generalvertrag und den EVG-Vertrag (Remilitarisierung der BRD im Rahmen der geplanten Europäischen Verteidigungsgemeinschaft protestierten. Auf dem Bahnhofsplatz starb der 59jährige Bundesbahnbeamte und Gewerkschafter G. Bachl auf der Flucht vor dem Wasserwerfer am Herzschlag. Nachdem die Polizei wiederholt die Auflösung der Maikundgebungen androhte, den anschließenden Abgang der Teilnehmer als nicht genehmigten Abmarsch wertete und deshalb auf die Menschen einprügelte, begab sich der neue Kreisvorsitzende Ludwig Koch ins Amt für öffentliche Ordnung, um gegen dieses Vorgehen zu protestieren. Das Problem wurde schließlich dadurch gelöst, dass der Abmarsch offiziell als Demonstration bis zur Schwanthalerstraße angemeldet wurde.


Steigender Lebensstandard, zunehmende Entpolitisierung und die Diffamierung der kritischen Linken als Feinde der Verfassung, der demokratischen Ordnung, ja der Gesellschaft schlechthin schufen in den 50er Jahren ein Klima, das seinen Höhepunkt im Verbot der KPD vom 17. August 1956 fand. Solange es noch sinnvoll erschien, sich gegen die Politik des restaurativen Adenauerstaats zu wehren, war die Zahl der Teilnehmer auf den Maikundgebungen, die auch der Bayerische Rundfunk übertrug, sehr groß.


Als die Diskrepanz zwischen kämpferischen Maireferaten und mangelnden Erfolgen gewerkschaftlichen Handelns immer größer wurde, gingen gegen Ende der 50er Jahre die Teilnehmerzahlen an den Maifeiern immer mehr zurück.


Die 1. Mai-Parolen der 60er Jahre waren oft unverbindlich und defensiv:

  • 1960: Schon Vatis Opa war dabei - 70 Jahre 1. Mai
  • 1961: Freiheit -Solidarität
  • 1962: Nicht Atomwaffen - Nicht Völkermord - In Frieden arbeiten - In Freiheit leben
  • 1963: Die Grundrechte sichern - in Freiheit gestalten - Das Erreichte erhalten - mehr soziale Sicherheit
  • 1964: Sonst wären wir nicht so weit - DGB
  • 1965: ... wichtiger ist der Mensch - DGB
  • 1966: ... dabei sein, mitbestimmen, Erfolg haben - DGB
  • 1967: Auf sozialem Kurs voran - DGB
  • 1968: Starke Gewerkschaften - Deine Sicherheit - DGB

Manche bekamen den Eindruck, der DGB sei nichts anderes als ein großes Versicherungsunternehmen. Erst mit den unruhigen Endsechzigern erhielt die Maifeier ein neues Gepräge. Der unaufhaltsam scheinende Schwund der Teilnehmerzahlen wurde gestoppt, die Lücken in der Arbeiterschaft durch Studenten und Studentinnen aufgefüllt. Sie trugen 1968 aber auch neue, bislang ungewohnte Transparente mit sich. Porträts von Che Guevara, Rudi Dutschke, Mao Tse-Tung, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Ho Tschi Minh. Marx und Engels waren in der Menge der 30.000 Kundgebungsteilnehmer unübersehbar. Zahlreiche Transparente prangerten die US-Intervention in Vietnam an und die Verabschiedung der von der Großen Koalition (CDU/CSU/SPD) beschlossenen Notstandsgesetze an. Die Forderung nach der Wiederzulassung einer kommunistischen Partei wurde ebenfalls laut.


Die Polizei verhaftete einige Aktivisten der Außerparlamentarischen Opposition (APO), die die Maikundgebung in eine bei den Behörden nicht angemeldete Demonstration überleiten lassen wollten. Ein führender Gewerkschafter begab sich nach der Kundgebung in das Polizeipräsidium an der Ettstraße, um die Freilassung der Verhafteten zu erwirken. Doch die Verhafteten selbst bestanden auf Haft und erkennungsdienstliche Behandlung durch die Organe des Obrigkeitsstaates und verzichteten ausdrücklich auf ihre Freilassung. Für den Gewerkschafter, der Widerstand und Illegalität im III. Reich riskiert hatte, war dieses Verhalten unbegreiflich: "Wie kann man sich, indem man den Staat als Repressionsinstrument vorführen will, freiwillig und ohne Not in die Dateien der Fahndungsapparate begeben!?"


Bis 1971 umrahmte der aus der Tradition der Arbeitersängerbewegung hervorgegangene DGB-Chor die Maifeiern auf dem Königsplatz. Aufgrund innerer Differenzen löste  sich der Chor jedoch auf und und wurde erst 1983 wieder gegründet. Seitdem ist er von den Maikundgebungen des Münchner DGB nicht mehr wegzudenken.


Die  Regierungsübernahme der SPD/FDP-Koalition im Herbst 1969 leitete die Entspannungspolitik mit den Gewaltverzichtsverträgen von Moskau und Warschau im August bzw. Dezember 1970 ein. Der Wandel in der Au8enpolitik der BRD, aber auch tagespolitische Ereignisse spiegelten sich bei den Maikundgebungen in den frühen 70er Jahren wieder.


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