Deutscher Gewerkschaftsbund

06.05.2019

Kritische Anmerkungen und wichtige Ergänzungen zur Ausstellung „Das Alte stürzt. Es ändern sich die Zeiten“

  • Beitrag von Andreas Salomon

     

    Bei genauerer Betrachtung des Ausstellungstextes

     

    1.Tafel

    Zu Beginn der Ausstellung wird weder deutlich gemacht, warum die Monarchie am Ende war, noch wird die Niederlage im 1. Weltkrieg dargelegt und begründet. Die Ereignisse auf der Münchner Theresienwiese und deren Ursachen werden genauso verschwiegen wie deren Ergebnisse. Zwar heißt es in der Überschrift „Von der Monarchie zum Freistaat“, was ein Freistaat aber ist, bleibt im Dunkeln, aber genau darauf käme es an.

    Der Betrachter der Ausstellung hat also zunächst überhaupt nicht die Möglichkeit, in die Thematik den Ereignissen entsprechend einzusteigen, sondern wird mit Nachrichten des Provinzblattes „Ebersberger Nachrichten“, (9.11.1918) abgespeist, das in knappen Worten von den Münchner Ereignissen berichtet, aber nicht deren Charakter sichtbar macht. So wird zwar die so wichtige Bildung von Räten genannt, aber die damit verbundene und verwirklichte basisdemokratische Willensbildung unterschlagen. Die Bedeutung der Münchner Vorgänge für die Landbevölkerung wird nicht sichtbar gemacht. Es reicht nicht aus zu erwähnen, dass die Bauernschaft in das Rätesystem eingebunden werden müsse und es dabei zu belassen.

     

    2. Tafel

    Im Folgenden wird nicht von Eisner und dessen Politik berichtet, sondern von dessen Gegenspieler Auer, der sich für die „Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung“ einsetze. Damit sind bereits zu diesem frühen Zeitpunkt die Schlüsselbegriffe für die späteren Aktionen der Einwohnerwehren und Freikorps gegeben. Bei einer Verlautbarung des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates wird von deren „großsprecherischen Diktion“ gesprochen und von der „darin enthaltenen unverhohlenen Drohung an die Landbevölkerung“. Die Verlautbarung selbst wird nicht dargestellt. Die Behauptungen hängen in der Luft und tragen natürlich dazu bei, Eisner und seine Anhänger in Misskredit zu bringen. So wird in der Ausstellung Schritt für Schritt Stimmung gegen die Revolution gemacht. Die Weglassung von Informationen bildet dabei eine wesentliche Vorgehensweise.

     

    3. Tafel

    Auf der dritten Tafel wird bereits davon gesprochen, dass im Bereich von Ebersberg und Kirchseeon „die Maßnahmen zur Gründung von Orts- oder Bürgerwehren“ besprochen werden. Unklar bleibt, wieso dies als notwendig erachtet wurde. Bei entsprechenden Veranstaltungen ist wieder von der Notwendigkeit „der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung“ die Rede. Dann positioniert sich der Landtagsabgeordnete Lohr klar gegen Positionen der Revolution, die hier in der Kritik erstmals angesprochen werden (Trennung von Kirche und Staat) und betont andere Überzeugungen, die von der Revolution gar nicht in Frage gestellt werden (Achtung der religiösen Überzeugung, Schutz der christlichen Familie usw). So wird der Eindruck erweckt, als wolle Eisner diese Überzeugungen attackieren. Lohr gibt sich dann als Anhänger der BVP (Bayerische Volkspartei) zu erkennen, die die Revolution ablehnt. Über die BVP wird gesagt, dass sie „im Ebersberger Raum rasch Fuß fassen und bald eine gewichtige Rolle spielen sollte“. Wieder sieht man, wie der Blick des Ausstellungsbesuchers gezielt gelenkt wird. Denn von der Arbeit der gewählten Räte vor Ort ist nichts zu erfahren.

     

    4. Tafel

    Die nächste Tafel springt vor auf den 23. April 1919, also in die Schlussphase der Revolution. Was ist in den sechs Monaten dazwischen passiert? Auslassung ist einer der wichtigsten Bausteine der Ausstellung. Wie soll der Betrachter es einordnen, dass jetzt „ein mit schwer bewaffneten Spartakisten besetzter Lastwagen“ Lebensmittel requirierte und am Tage darauf den Graf Felix von Bothmer als Geisel mit nach München nahm? Beim Ausstellungsbesucher, der die Zusammenhänge nicht kennt, kann nur eine starke Ablehnung der Revolution hervorgerufen werden. Denn von der Räterepublik und deren Charakter und deren Gefährdung ist bislang nichts gesagt und genau so wenig auch über die Funktion von Geiseln zu diesem Zeitpunkt. Die Verhaftung einer zweiten Geisel scheitert, der Ausstellungsbesucher kann die Aktionen der Einwohnerwehr bei den bisherigen Informationen nur begrüßen. Weiter geht es darum, Waffen aus Passau zu besorgen. Zurück in Ebersberg heißt es: „Bei ihrem Eintreffen in Ebersberg bereitete eine jubelnde Menschenmenge den Waffentransporteuren einen begeisternden Empfang“. Warum man Waffen braucht, wird nicht weiter begründet. Quellen für die Darstellung werden nicht genannt. Die Einwohnerwehr wird heroisiert. Schon zu Beginn der Ausstellung wird der Betrachter gezielt zu einer ganz bestimmten Sichtweise der Revolution gelenkt. Kennt er nicht die bedeutenden Ereignisse der Revolution, wird er hilflos auf diesem vorgetretenen Pfad weiter gehen müssen.

     

    5. Tafel

    Die nächste Tafel kippt aus der bisherigen Gedankenführung heraus, da jetzt die „Vorläufige(n) Richtlinien für die Bauernräte“ dargestellt werden. Wir sind jetzt zum 26. November 1918 zurückgekehrt. Diese Informationen sind – eine Ausnahme - absolut hilfreich, bleiben aber im Folgenden in der Luft hängen, weil über die Arbeit der Bauernräte nichts mitgeteilt wird. Schlusskommentar: „Es scheint, die Bauern haben kein Bedürfnis, eine solche Einrichtung ins Leben zu rufen.“ Diese negative Einschätzung des Ebersberger Behördenleiters (Quelle?) macht das eben Gesagte aber wieder zunichte. Niemand wolle diese Räte. Auch mit der Auswahl der Quellen kann man Meinung machen.

     

    6. Tafel

    Bei der 6. Tafel sind wir beim 21. Dezember und der Wahl der Distriktsbauernräte. Sehr ausführlich wird darüber berichtet. Man erfährt, dass es mindestens 78 gemeindliche Bauernräte gibt – also scheint das Interesse doch nicht so gering zu sein, wie eben noch behauptet. Im Hinblick auf deren Arbeit und Leistung hüllt sich aber der Autor der Ausstellung in Schweigen. Aber gerade das wäre jetzt besonders wichtig gewesen. Aber mit Verschweigen kann auch Politik gemacht werden. Mit dem Bemühen um eine möglichst objektive Geschichtsschreibung hat das natürlich nichts zu tun.

    Im Zuge des Wahlkampfes heißt es dann schon wieder: „Die Stimmung der Bevölkerung des Ebersberger Raumes hatte bis dahin eine erhebliche Bedrückung, Beunruhigung und Besorgnis im Hinblick auf verschiedenste Störungen der öffentlichen Ordnung erkennen lassen, etwa durch das provokante Auftreten junger Soldaten unter Berufung auf den Soldatenrat“ (wieder keine Quelle). Und wenig später ist von angeblichen „Äußerungen“ die Rede, die immer lauter geworden seien: „So kann es nicht bleiben.“ Wovon ist die Rede? Es wird überhaupt nichts Konkretes vorgebracht, sondern nur Stimmung gemacht (natürlich alles ohne Quellenangabe). Aber es fällt das Wort „Soldatenrat“ in negativem Zusammenhang. Es wird nach der „Schaffung klarer Verhältnisse im Staat“ gerufen. Wer sagt das?

     

    7. Tafel

    Und wieder ist von Wahlvorbereitungen die Rede (Landtagswahlen 12. Januar und Wahl zur Deutsch Nationalversammlung 19. Januar) und welche Partei welche Kandidaten aufstellt. In der Revolution ist das eine absolut untergeordnete Frage, denn Eisner will mit Hilfe der Räte erst einmal erreichen, dass eine gewisse politische Mündigkeit erreicht wird, bevor es zur Wahl geht. Er setzt auch nicht ausschließlich auf die Räte, wie es in der Ausstellung behauptet wird, sondern strebt eine Zusammenarbeit von Räten und Parlament an.

    Spaltenweise wird über den Wahlkampf berichtet, wobei besonders die Bedeutung der BVP unterstrichen wird. „Der bayerischen Volkspartei scheint die überwiegende Zahl der Bevölkerung zuzuneigen.“ Dabei wird eifrig gegen angebliche Forderungen der Revolution polemisiert, die aber bislang in der Ausstellung nicht thematisiert worden sind und die auch nicht von Eisner in Angriff genommen wurden („Vergesellschaftung allen Eigentums an Produktionsmitteln“, „Aufhebung allen Privateigentums an Grund und Boden“). Die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln wurde von Eisner abgelehnt und von der Aufhebung allen Privateigentums an Grund und Boden war nie die Rede. Hier wird schlichtweg Panikmache betrieben.

     

    8. Tafel

    Dann werden ausführlich spaltenlang die Wahlergebnisse präsentiert. Wichtigstes Ergebnis beider Wahlen (Landtag, Nationalversammlung): „Insgesamt gesehen zeigte der Ausgang der beiden Wahlen im Bezirk Ebersberg, dass die Einwohnerschaft des Ebersberger Raumes an den extremen sozialistischen Ideen des Revolutionsführers Eisner und seiner Gefolgsleute nicht interessiert war.“ Eingeräumt werden muss aber, dass der „eher links stehende, radikale BBB“ bei den Landtagswahlen im Bezirk ein Drittel der Stimmen erhielt und die stärkste Kraft wurde. Auch bei den Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung war der BBB die stärkste Kraft Worauf der Wahlerfolg beruht, wird nicht erläutert.

     

    9. Tafel (1.Tafel Räterepublik)

    Auf die ersten acht Tafeln folgen 12 weitere unter der Überschrift „Von der Räterepublik zur Niederschlagung der Rätediktatur“. Die Ermordung von Eisner am 21. Februar 1919 durch Anton von Arco-Valley wird angesprochen, der Eisner als „Volksverräter“ erschossen habe. Es wird weder eine Quelle genannt noch dieser Behauptung widersprochen. Es wird auch nicht gesagt, wer dieser Mörder war, wo er politisch anzusiedeln ist, nämlich in der Nähe der rechtsradikalen Thule-Gesellschaft. Bei Alois Lindner, der Auer verletzte und zwei weitere Männer tötete, heißt es hingegen „Revolutionsanhänger“. Von den Reaktionen bei der Bevölkerung auf die Ermordung Eisners wird nicht berichtet, auch nichts von seiner Beerdigung, bei der 100.000 Menschen einen Trauerzug bildeten.

    Dann heißt es weiter, der neu gebildete Zentralrat unter Niekisch habe u.a. bürgerliche Geiseln in Haft nehmen und Waffen an Arbeiter verteilen lassen. Dafür fehlt wieder die Quellenangabe. In der gängigen Literatur lässt sich das meines Wissens nicht nachweisen.

    Es folgt die Erwähnung des Rätekongresses und der Wahl Hoffmanns zum Ministerpräsidenten. Dann wird die 1. Räterepublik vom 7. April angesprochen. Von den unzähligen Maßnahmen dieser Räterepublik unter Toller wird kein Wort erwähnt. Toller lässt freistehende Wohnungen wegen der Wohnungsnot beschlagnahmen und Bedürftigen zuweisen, das Bürgertum wird entwaffnet, das Proletariat bewaffnet, die Zensur über die bürgerliche Presse wird verhängt, Schleichhandel und Preiswucher werden bekämpft, Preise streng kontrolliert usw. Das alles und vieles mehr wird nicht erwähnt.

     

    10. Tafel

    Der Palmsonntagsputsch wird nur kurz (da er daneben ging) angesprochen und behauptet, die Konterrevolutionäre hätten „eine Unterstützung von außen“ gehabt, um damit nicht die Last der Niederlage bei den Hoffmann-Truppen allein zu belassen. Das war aber nicht der Fall, Hoffmann wollte es zunächst ohne Berlin allein versuchen und scheiterte. Dann wird über die Kommunistische Räterepublik berichtet, um jetzt vielerlei Maßnahmen der Kommunisten anzusprechen. Der Autor spricht vom „kommunistischen Treiben“, dem die Regierung Hoffmann ein Ende setzen wollte und zur Bildung einer Volkswehr aufrief.

    Dann geht es gleich zum Angriff auf München mit Hilfe der Regierungstruppen und vor allem der Freikorps. Es eilt, denn die Kommunisten hätten „die Diktatur der Roten Armee“ ausgerufen. „Diese verschärfte die Schreckensherrschaft und ließ am 30. April im Luitpold-Gymnasium acht Geiseln und zwei gefangen genommene Regierungssoldaten erschießen.“ Zunächst muss gesagt werden, dass es sich nicht um Geiseln handelte, sondern um gefangen genommene Mitglieder der Thulegesellschaft handelte, die Ausweise gefälscht hatten. Wer den Befehl zur Erschießung gab, ist bis heute nicht geklärt. Von Seiten der Roten wurde diese Aktion sehr bedauert, Toller befreite eigenhändig die letzten Gefangenen im Luitpold-Gymnasium. Der Aktion im Luitpold-Gymnasium gingen eine Reihe von bekannt gewordenen Gewalttaten der Weißen voraus. Das kann keine Entschuldigung sein, sollte aber erwähnt werden, weil es in der Ausstellung heißt, dem „roten Terror“ folgte die „weiße Rache“. Die äußerste Brutalität der Weißen bleibt unerwähnt, so der Mord an den 22 kath. Gesellen usw. Die ganze Grausamkeit wird besonders am Mord an Landauer sichtbar, bei dem es keinerlei Zurückhaltung mehr gab. Aber die Darstellung dieser Gräueltaten passt natürlich nicht in das Konzept dieser Ausstellung. Die Erwähnung der 1200 Toten lässt nicht deutlich werden, welch ein Blutbad durch die Regierungstruppen und Freikorps dem vorausging.

     

    11. Tafel

    Eigentlich sollte man meinen, die Ausstellung wäre jetzt am Ende, aber wieder wird zurückgesprungen, diesmal auf den 24. Februar. Wir sind wieder in Ebersberg. Von „Gerüchten“ ist die Rede und von vermeintlichen Aktionen der Spartakisten. Ergebnis: „Die hiesige Bevölkerung wurde dadurch in große Unruhe versetzt (…)“, so der Regierungsrat. Man sieht, wie die Unruhe und Erregung immer wieder behauptet wird, um damit auf baldige Aktionen vorzubereiten. Von „besorgniserregenden Gerüchte(n)“ ist die Rede Die Beamten müssten vor Überfällen geschützt werden „und die schuldigen Verbrecher zur Verantwortung gezogen werden“. Moment mal, wer hat eine Schuld auf sich geladen, wer ist hier ein Verbrecher?

    Dann folgt kurz die Erwähnung der Beerdigung Eisners. Der Pfarrer von Bruck habe das Wort Trauergeläut in Anführungszeichen gesetzt. (keine Quelle) Nur mal wieder so wieder ein kleiner Seitenhieb auf die Revolution.

     

    12. Tafel

    Obwohl eingeräumt wird, dass alle Gerüchte sich in Luft aufgelöst hätten, heißt es: „Gleichwohl blieb die Lage unsicher.“ Man freut sich, dass die angeforderten ‚Waffen eingetroffen sind und verteilt sie an die Ortswehren. Als der 7. April die Räterepublik ausgerufen und zum Feiertag ausgerufen wurde, „scherte sich“, wie sich der Finanzbeamte Alfons Bräu aus Ebersberg später erinnerte, die „Bevölkerung auf dem Lande (…) den Teufel“ darum. Weiß man, dass Bräu nicht irgendein Finanzbeamter war, sondern Mitglied des Freikorps Grafing, überrascht diese Sichtweise nicht mehr. Der Verfasser der Texte muss aber einräumen, dass die Ansichten zur Räterepublik geteilt waren. Die „Beteiligung der Bauernräte“ an der neuen Regierung würde den „Landwirten eher Schutz“ bieten.

    Jetzt kommt der Verfasser auf den Palmsonntagsputsch in Rosenheim zu sprechen, an dem auch Ebersberger beteiligt waren und muss nach längerer Darstellung dessen Scheitern konstatieren. Eine Ursachenanalyse bleibt aus, da wären auch keine Lorbeeren zu gewinnen gewesen.

     

    13. Tafel

    Verwirrend ist, dass jetzt wieder zu Verhältnissen vor der Niederschlagung der Revolution zurückgegangen wird. Wir sind beim 19. April und Hoffmann weist dem „Münchner Terror“ die Schuld für die derzeitigen Verhältnisse zu. „Gewalt könne nur mit Gewalt bekämpft und unterdrückt werden.“ Die Niederschlagung wird vorbereitet. Von welcher Gewalt ist die Rede? „Verhandlungen, Besprechungen und Abmachungen (…) seien vergeblich.“ Sieht so Gewalt aus, die blutig niedergeschlagen werden muss?

    Freikorps werden aufgestellt. Die Grafinger Bürger seien „Denunziationen und Erpressungen spartakistischer Spione ausgesetzt“. Konkretes erfährt man nicht. Aufregung, weil Spartakisten in Grafing unterstützt vom Arbeiter- und Bauernrat nach „Hamsterlagern“ suchten und fündig wurden. Erstmals und nie wieder wird dieser gewählte Rat erwähnt.

     

    14. Tafel

    Jetzt geht es um „Verteidigungsschritte im Falle von Plünderungen“. In Grafing wird die Gründung einer Bürgerwehr beschlossen. Dies geschah auch in anderen Orten, ohne dass dafür überzeugende Gründe angegeben werden. In Ebersberg, wird behauptet, sei auch der Arbeiter- und Bauernratsvorsitzende Ramlmayr dabei gewesen. (Quelle?) Es geht um die „Wiederherstellung der Ordnung“. Ausführlich wird über diese Prozesse gesprochen „Dazwischen kam es wiederholt zu Bedrohungen durch militante Radikalrevolutionäre aus München, deren Auftreten zu großer Aufregung und Beängstigung bei der Bevölkerung führte und eine Lähmung der Arbeiterschaft nach sich zog.“ (Quelle?) Auch das ist wieder eine Behauptung, die nicht konkretisiert wird, und damit nur zur Stimmungsmache dient. Das Gleiche gilt für einen angeblichen Erpressungsversuch  (23.April), wofür es aber auch keinen Beleg gibt. Natürlich hat sich der brave Mann gleich an die Grafinger Bürgerwehr gewandt.

     

    15. Tafel

    Diese Tafel berichte zunächst von einer Versammlung des Münchner Soldatenrates am 23. November. Wieder wird zurückgesprungen. Aber endlich wird einmal auf einer Spalte Positionen der Revolution eingeräumt. Vielleicht weil die Redner sich von den „Greultaten der Bolschewiki“ distanzierten. Dann wird vom Bauernrat gesprochen, was ja bereits Thema der Tafel 5 war. Es wird Kritik am Münchner Bauernrat geübt, nur Vertreter des BBB säßen in ihm. Kritisiert wird auch, dass die „Einführung des Achtstundentages in Industrie und Gewerbe nicht verhindert“ worden sei, „obwohl die Rückwirkung dieser Verfügung auf die Landwirtschaft geradezu katastrophale Wirkungen ausübe“. Es wird gefordert, dass dem Bauernstand „eine wirklich demokratische, auf Gerechtigkeit gegründete Vertretung“ zustehen müsse. Nach der von der Regierung veröffentlichten Richtlinie zur Bauernfrage (Tafel 5) liefen die Bauern mit ihren Forderungen allerdings offene Türen ein. Es bleibt die Vermutung, dass auch hier eine versteckte Polemik gegen die Bauernräte enthalten ist.

     

    16. Tafel

    Erste Aktionen der Grafinger Einwohnerwehr werden mitgeteilt. Am 26. April erfolgt die Gründung der Abteilung „Bezirk Ebersberg“ des Freikorps „Chiemgau“. Die ersten ausgeführten Aktionen, die ausführliche geschildert werden, um zu zeigen, wie kampfeswillig die Mitglieder waren, führen zu keinem Erfolg.

     

    17. Tafel

    Vom 29. April wird über eine Aktion in Haar berichtet, bei der Spartakisten aus zwei Lokalen vertrieben wurden. Folge: zwei Tote., Verhaftung anderer. Frage: warum? Was hatten die vermeintlichen Spartakisten getan? Waffenlieferungen aus Passau treffen ein und werden verteilt. Dann geht es gegen Kolbermoor, das umzingelt wird. Angesichts der Übermacht an Gegnern müssen die Kolbermoorer sich am 3. Mai 1919 ergeben. Im Text wird behauptet, noch an diesem Tage seien Schuhmann und Lahn erschossen worden. Das ist aber nicht richtig. Mitglieder des Freikorps Grafing zogen erst einen Tag später, am 4. Mai 1919 zu den Wohnungen von Schuhmann und Lahn, zogen sie aus ihren Betten prügelten sie halbtot und ermordeten sie nach weiteren blutigen Gewalttaten. Alois Lahn, dem Sekretär von Schuhmann, wurde seine Schreibmaschine über den Kopf geschlagen. Weitere Einzelheiten über die Mordtaten liegen vor. Die Mörder wurden später vor Gericht freigesprochen. Die Grafinger zogen nach Hause und wurden dort umjubelt. In der Ausstellung hängen auch ganz am Schluss die beiden Bilder von Schumann und Lahn aus meinem Buch. Warum hat man sie aufgehängt? Es sind eindeutig Trophäen, auf die man stolz ist.

     

    18. Tafel

    Es wird von weiteren kleineren Scharmützeln berichtet. „Lediglich am Friedhof in Haidhausen wurden sie von einigen Frauen und Männern als „Volksfeinde, Arbeiterfeinde“ beschimpft.“ War der Widerstand wirklich so klein? Dann geht es um Egelhofer. Ein Bild in Grafing zeigt die „Egelhofer-Fänger“. Ein wildes Tier ist zur Strecke gebracht worden, „vor dessen Brutalität die Stadt München über drei Wochen lang zittern mußte“. Er wurde ohne Gerichtsprozess einfach erschossen. Ist ihm eine einzige Gewalttat nachzuweisen?

     

    19. Tafel

    Zurück aus München in Ebersberg und Grafing werden  sie “unter Glockengeläut und Festbeflaggung von der Einwohnerschaft freudig begrüßt“. „Normalität und Ruhe“ kehren ein. „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten“, so heißt der Austellungstitel. In Grafing hat sich offenbar nichts geändert und gegen die Beibehaltung der Monarchie hätte es sicher keinen Widerstand gegeben. Die Freikorps behält man sicherheitshalber bei.

     

    20. Tafel

    Die Bahn führt wieder, die Geisel Graf von Bothmer kehrt unversehrt zurück. Und jetzt finden wieder die Arbeiter- und Bauernräte Erwähnung. Sie werden nach und nach aufgelöst.

    Noch zu sechs über gebliebenen Bauernräte: “Diese haben mehr Tätigkeiten entwickelt, haben in einzelnen Fällen auf die Abschaffung von Missständen gedrungen, andererseits (als letzter Hieb, A.S.) aber besonders zur Zeit der Räteherrschaft mehrfach ihre Befugnisse überschritten.“

    Der Verfasser fasst abschließend seine Ergebnisse zusammen, die er hinlänglich dokumentiert hat. Noch einmal behauptet er, dass die Sozialisten „traditionelle Wertvorstellungen und Belange der ländlichen Gesellschaft ignorierten und die angekündigte Demokratisierung verschleppten“ – welch ein Hohn! Weder wurden traditionelle Wertvorstellungen angegriffen noch die Belange der Bauern missachtet und schon gar nicht wurde eine Demokratisierung  verschleppt. Nichts anderes war die Grundlage von Eisners Handeln! Und selbst die Kommunistische Räterepublik stellte keinerlei „Bedrohung“ für die Bauern dar.

     

    Zusammenfassung

    -         Die Ausstellung ist mit 20 Tafeln extrem textlastig.

    -         Auf weiten Strecken gibt es keinerlei Quellenangaben.

    -         Die Chronologie ist sprunghaft und nicht stringent.

    -         Es wird nicht deutlich gemacht, warum die Monarchie gescheitert war und dass demokratische Verhältnisse geschaffen wurden.

    -         Die gewählte Perspektive ist durchgehend die der Gegenrevolution.

    -         Die Auswahl der Texte ist ausschließlich an dieser Perspektive orientiert.

    -         Der Betrachter der Ausstellung wird auf vorgetretenen Pfaden geführt und wird zwangsweise auf die Seite der Weißgardisten gezogen

    -         Der wirkliche Prozess der Revolution wird nicht hinreichend sichtbar. Die Leistungen des Volkes und der Roten werden ständig verunglimpft.

    -         Die Errungenschaften der Revolution werden nicht klar erkannt und genannt.

    -         Es wird nicht sichtbar, dass die Revolution breiteste Unterstützung fand, sondern es wird der gegenteilige Eindruck erweckt.

    -         Der politische Charakter der Einwohnerwehren und Freikorps wird verschleiert, ihre Brutalität bei der Niederschlagung der Revolution wird nicht deutlich, ja verschleiert.

    -         Die Rolle der Freikorps als Wegbereiter des Faschismus wird verschwiegen.

    -         Ihre Mitglieder werden heroisiert.

    -         Interessant ist, dass die Ausstellung den Eindruck verfesstigt, dass keine wirklichen überzeugenden Gründe für die Gewaltaktionen der Weißen vorgetragen werden können und dass der Eindruck sich verdichtet, wie sehr hier mit Vorurteilen unwissend gehaltene Menschen gegen die Revolution aufgehetzt wurden.

    -         Die Ausstellung erweckt den Eindruck, als sei nach der Niederschlagung alles wieder beim Alten.

    -         Es ist erschreckend, dass 100 Jahre nach der Novemberrevolution noch eine Ausstellung öffentlich gezeigt werden darf, die das undemokratische und brutale Handeln von Einwohnerwehren und Freikorps verherrlicht und die demokratischen Errungenschaften der Revolution weitgehend unerwähnt lässt. Das dürfte Seltenheitswert haben.

    -         Die politische Einstellung des Ausstellungsmachers  sollte überprüft werden, ob sie noch mit dem Grundgesetz in Einklang zu bringen ist.

    -         Die 100-jährige Dornröschenhecke um Grafing sollte beseitigt werden.

     

     Andreas Salomon, Rosenheim

  • Beitrag von Georg Wiesmaier

    Das Freikorps Grafing und Kolbermoor

    Ein Beitrag zur Grafinger Ausstellung

     

    Vorbemerkung

    Bereits  Monate vor der Grafinger Ausstellung fanden zwei Treffen von Interessierten aus Grafing und Kolbermoor/Rosenheim zur Vorbereitung des 100-jährigen Jubiläums der Novemberrevolution statt. Beide Treffen waren gut besucht und es wurde der Wille zur Zusammenarbeit betont. Ein Treffen fand in Kolbermoor statt, eines in Grafing. Es wurde u.a. mitgeteilt, dass in Grafing eine Ausstellung geplant sei, über deren Charakter wurde aber mit keinem Wort gesprochen. Bei mir entstand der Eindruck, dass die Konzeption der Ausstellung in Grafing bereits geklärt sei und darüber nicht weiter geredet werden müsse. Ich habe nicht weiter nachgehakt, weil für mich nicht vostellbar war, dass eine derartige Ausstellung kommen könne. Ich gehe davon aus, dass der oder die Gestalter der Grafinger Ausstellung zumindest bei dem Treffen in Grafing dabei waren.

    So stellt sich mir die Frage, wer an dieser Ausstellung mitgearbeitet hat und wie es überhaupt zu dieser Darstellung kommen konnte. Und es stellt sich mir gleich noch einmal eine zweite Frage: Ist diese Ausstellung Ausdruck von erheblichem Unwissen gepaart mit grenzenloser Naivität oder was ich befürchte, ist sie aus tiefer Überzeugung so angelegt und damit eine ziemliche Provokation?

     

    Das Grafinger Freikorps und Kolbermoor

    Ich werde mich jetzt auf das Grafinger Freikorps und Kolbermoor beziehen. Ich habe mich seit 20 Jahren mit der Kolbermoorer Räterepublik beschäftigt. Schon damals war nachzulesen, dass Grafinger Freokorpsmitglieder den Kolbermoorer Volksratsvorsitzenden Georg Schuhmann und seinen Sekretär Alois Lahn ermordet hatten.

    Ziemlich am Schluss der Grafinger Ausstellung sehe ich plötzlich die Bilder aus meinem Buch von Georg Schuhmann und Alois Lahn. Darunter ein weiteres Photo, unter dem handschriftlich steht: „Das Freikorps Grafing verlässt den Militärzug im Bahnhof Grafing, ca 800 Mann waren bei Kolbermoor u. Rosenheim beteiligt.“

    Sieht man diese Bilder im Zusammenhang der gesamten Ausstellung, dann wird klar, dass hier stolz ein wesentliches „Ergebnis“ des Einsatzes des Grafinger Freikorps präsentiert wird. Es ist gelungen, den Kopf der Kolbermoorer Roten zu erledigen und seinen Sekretär gleich mit dazu. Genauso wie es den Grafinger „Eglhofer Fängern“ gelungen war, den Kommandant der Münchner Roten Armee zur Strecke zu bringen. Da kann man doch nur gratulieren.

    Liest man genauer, z.B. das auch ausgestellte Übergabe-Protokoll von Kolbermoor, dann sieht man, dass die Stadt am 3. Mai 1919 die Waffen gestreckt hat und der Mord einen Tag später am 4. Mai stattfand. Auch der den Photos hinzugefügte Text macht dies durchaus sichtbar. Die Vorgänge um die Ermordung Schuhmanns und Lahns werden aber mit keinem Wort als absolutes Unrecht angesehen. Dort heißt es lapidar: „Am Morgen des 4. Mai wurden von der Grafinger Abteilung der kommunistische Kolbermoorer Bürgermeister Georg Schuhmann und sein Sekretär Alois Lahn verhaftet, schwer misshandelt und schließlich von zwei Münchner Freikorpslern namens Johann Ruch und Georg Schneider, die der Gruppe aus Grafing zugeteilt worden waren, erschossen.“

    Ich möchte jetzt die „Heldentaten“ des Grafinger Freikorps genauer beleuchten. Christa Landgrebe schreibt in ihrer Doktorarbeit: „Da auch dem Freikorps Grafing die Einquartierung im Ort zu gefährlich erschien, wurde in einem Bauernhaus, etwa 100 Meter vom Ortsende entfernt, Aufenthalt genommen.“ Der Mut wuchs erst, als eigentlich alles vorbei war und festgelegt worden war, dass Schuhmann „in Schutzhaft genommen und nach München gebracht werden sollte.“ Sie teilten sich am 4. Mai in zwei Gruppen von je ca. 11 -12 Mann auf, um jetzt auf eigene Faust ihr Mütchen zu kühlen. So drangen sie am Sonntag früh um 9 Uhr mit Brachialgewalt in die Wohnungen von Schuhmann und Lahn ein, schlugen alles kurz und klein und prügelten auf die beiden nach Herzenslust ein. Unter ständigen Gewalttaten wurden sie zur Tonwerksunterführung geschleift, die einige hundert Meter entfernt war. Dann wurde über die zwei Halbtoten per Abstimmung entschieden, was mit ihnen nun zu machen sei und die Mehrheit war für Erschießen. Alois Lahn war erst 18 Jahre alt und wohnte noch bei den Eltern. In meinem Buch habe ich veröffentlicht, wie der Vater von Alois im „Anzeiger für Kolbermoor“ den Überfall erlebte: „Sonntag früh, den 4. Mai……ohne Urteil erschossen….“. Der Weißgardist Kögl formuliert das so: „Dann wurden die beiden Kommunisten in unversöhnlichem Haß mit einem Kopfschuß niedergemacht.“ (S.131)

    Die Empörung (sogar auf der Gegenseite) und die Wut der Kolbermoorer waren grenzenlos. Als wenige Tage später die Beerdigung der beiden stattfand, wurde ein Trauerzug verboten. Der Friedhof war rundum mit Machinengewehren umstellt, weil man Ausschreitungen befürchtete. Die Feindseligkeit der Kolbermoorer gegenüber den Weißgardisten war kaum zu bremsen.

    Denn die Grafinger Freikorpsler hatten auch nach der Übergabe noch ordentlich zugelangt. So gingen die Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und Waffenbeschlagnahmen ebenfalls mit roher Gewalt vor sich. Während Schuhmann in seiner letzten Rede noch erklärt hatte: „Wir wollen keinerlei Gewalt irgend welcher Art nach außen anwenden, verlangen aber dafür auch das Recht für uns in Anspruch zu nehmen, unsere politische Freiheit aufrechterhalten zu kommen“, sah es auf der Gegenseite trotz Kapitulation ganz anders aus. Im Kolbermoorer Bahnhofswartesaal wurde ein Standgericht errichtet und vor dem Bahnhof fanden regelrechte Prügelorgien statt. Selbst der Weißgardist Kögl äußert: „Die Minderbelasteten wurden nach einer Tracht Prügel freigelassen.“

    Wie man mit den Rotgardisten umging, schildert einer der Betroffenen: „Als wir Rotgardisten…Zuchthaus Straubing“ (Landgrebe, S.153)

    Was ich soeben dargestellt habe, heißt im Jargon der Ausstellung „Säuberung der Orte von der Rätediktatur.“ Und an anderer Stelle kann man in der Ausstellung lesen: „Nach ihren erfolgreichen Einsätzen in Kolbermoor und München ließen sich die Freikorps-Gruppen aus Grafing und Umgebung nicht ohne Stolz von Fotographen ablichten, so beispielsweise im Hof der Grafinger Molkerei Schütz oder im Hof der Grafinger Brauerei „Wildbräu“, wo sich der Eigentümer des Unternehmens und Freikorps-Führer Georg Schlederer in die Mitte der Gruppe begab“.

    Zusammenfassend lässt sich sagen: Während die Kolbermoorer über ein halbes Jahr hinweg ein sehr gut funktionierendes Rätesystem aufgebaut hatten, hinter dem der ganze Ort geschlossen stand, weil die Einwohner sahen, wie sehr sie davon profitierten, wurde von Grafinger Weißgardisten und anderen dieses Gesellschaftsmodell mit brachialer Gewalt zerschlagen und 100 Jahre danach rühmt man sich dessen immer noch und unterschlägt, wie die Novemberrevolution in Bayern wirklich verlief und welche Errungenschaften sie mit sich brachte.

     

    Andreas Salomon

     

     

     

    Beitrag von Georg Wiesmaier

     

    Vorbemerkungen

    Zur Ausstellung allgemein: Positiv ist, dass sie überhaupt stattfindet und dass dafür so viele lokale Dokumente zusammengetragen wurden.

    Um so bedauerlicher finde ich den inhaltliche Rahme, in dem  diese präsentiert werden.

    Ich halte die Ausstellung für tendenziös, Einwohnerwehren und Freikorps werden verharmlost, Revolutionäre von Eisner bis Egelhofer werden herabsetzend dargestellt.

    Und diese Behauptungen will ich im Folgende belegen und gerne darüber debattieren.

     

    1

    Kurt Eisner

     

    Ausstellungstext (AT):

    „Nach einer mehrmonatigen Haft wegen führender Beteiligung an einem Rüstungsarbeiterstreik schwang er sich 1918 zum Anführer der Revolution in Bayern und zum provisorischen Ministerpräsidenten auf.“

     

    Eisner wurde vom Münchner Arbeiter- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten der neuen bayerischen Republik gewählt.

     

    Im Gegensatz zum König Ludwig III. und all seinen Vorgängern, die - meines Wissens – von niemandem gewählt wurden. 

     

    AT:

    „Als Protagonist eines Rätesystems fand er seinen Gegner in Erhard Auer, den Führer der Mehrheits - Sozialdemokraten in Bayern, der Verfechter eines parlamentarischen Systems war.“

     

    „Eisner verfolgte eine Kombination von parlamentarischen und rätesozialistischen Elementen.“

     

    https://www.muenchner-stadtmuseum.de/sonderausstellungen/online-praesentation-kurt-eisner-1867-1919/kapitel-9-kurt-eisner-ist-qua-revolutionaerem-recht-erster-bayerischer-ministerpraesident.html

     

    So äußerte sich die Bayerische Staatsregierung 2017 über Kurt Eisner:

     

    „Die Rolle Kurt Eisners bei der Beendigung des Ersten Weltkrieges, beim Ende der Monarchie und der Einführung einer demokratischen Verfasstheit Bayerns werden von der Staatsregierung außerordentlich positiv bewertet.“

     

    Eisner wird gewürdigt als „Symbolgestalt für aufgeklärt-demokratische Kräfte gegenüber den chauvinistisch-antisemitischen, in deren späterer Konsequenz auch die Barbarei des NS-Regimes in Bayern und Deutschland steht.“

     

    Und

     

     „im Jahre 2018 (soll) an seine herausragende historische Leistung ... erinnert werden ....“

     

    https://www.bayern.landtag.de/www/ElanTextAblage_WP17/Drucksachen/Basisdrucksachen/0000010000/0000010463.pdf

     

    Daran hätte sich die Ausstellung in Grafing orientieren können.

     

    AT:

    „Auf dem Weg zur Eröffnungsfeier des Parlaments wurde der scheidende provisorische Ministerpräsident am 21. Februar 1919 von dem Grafen Anton von Arco Valley als „Volksverräter“ erschossen.“

     

    Aus dem Bekennerschreiben des Mörders:

    „Mein Grund: Ich hasse den Bolschewismus, ich liebe mein Bayernvolk, ich bin ein treuer Monarchist, ein guter Katholik. Über alles achte ich die Ehre Bayerns. Er ist Bolschewist. Er ist Jude. Er ist kein Deutscher. Er verrät das Vaterland – also ....“

     

    Staatsarchiv München. StAnw. München I, Nr. 2295.

     

    2

    Geiselmorde

    Rudolf Eglhofer

    1896-1919

     

     

    AT:

    .... „ließ am 30. April im Luitpold-Gymnasium acht Geiseln und zwei gefangen genommene Regierungssoldaten erschießen.“

     

    Das historische Lexikon Bayern zu den sogenannten Geiselmorden

    „Im Hof des Gymnasiums wurden am 30. April 1919 sieben aktive Thule-Mitglieder erschossen. Die jüdische Herkunft einiger Repräsentanten der Revolutions- und Rätezeit diente als Vorwand für die nun folgende antisemitische Hetz-kampagne. Die Erschießung der Gefangenen am letzten Tag der Räteherrschaft ist fälschlicherweise als "Geiselmord" in die Geschichte eingegangen.“

    https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Thule-Gesellschaft%2C_1918-1933

     

    Heinrich Hillmayer in „Roter und Weißer Terror“ zu den „Geiselmorden“:

    „Das Volksgericht München, vor dem im September 1919 der Prozess gegen die so genannten Geiselmörder stattfand, lehnte es ab, die politische Rolle der Thule-Gesellschaft zu untersuchen. Im Jahr 1933 schrieb Rudolf von Sebottendorff: "Es braucht nun nicht mehr verhehlt zu werden, dass jene sieben Thule-Leute nicht als Geiseln starben (...). Sie starben für das Hakenkreuz" (Bevor Hitler kam, Widmung).“

    und zur Rolle Egelhofers:

    „Bis zur Gegenwart umstritten sind Beteiligung und Schuld des Oberkommandierenden der Roten Armee, Rudolf Eglhofer, an den Erschießungen im Luitpoldgymnasium. Es ist auch nicht mehr möglich, einen eindeutigen Beweis dafür zu finden, dass Egelhofer den schriftlichen Befehl zur Erschießung ausgefertigt und unterschrieben hat.“

    aus: Heinrich Hillmayer, Roter und Weißer Terror in Bayern nach 1918. Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen der Gewalttätigkeiten im Verlauf der revolutionären Ereignisse nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, München 1974, S.112

     

    AT:

    „1919 ging er nach München, wo er die Leitung der KPD und den Vorsitz im Vollzugsrat übernahm, in welch letzterer Funktion er auch den Münchner Geiselmord mit anordnete.“

     

    „Am 4. Juni 1919 schreibt ..... der Staatsanwalt des standrechtlichen Gerichtes für München an das Staatsministerium der Justiz: ‚Levine bestreitet an der Ermordung der sogenannten Geiseln im Luitpoldgymnasium am 30. April 1919 mittelbar oder unmittelbar beteiligt gewesen zu sein. Ein Beweis für eine solche im strafrechtlichen Sinne verfolgbare Beteiligung konnte nicht erbracht werden.’“

     

    aus: Hillmayr

    S. 112

     

    Max Levien

     

    AT:

    „ Mitglied des Zentralrates und später des Vollzugsrates der kommunistischen Rätediktatur, verfügte er mit den Geiselmord im Münchner Luitpold-Gymnasium“

     

    Einen Beleg für diese Aussage habe ich nirgendwo

    gefunden.

     

    3

    Niederschlagung der Räterepublik

     

    AT:

    „Nach offiziellen Angaben verloren durch Gewalt und Gegengewalt 557 Menschen ihr Leben, sei es, dass sie standrechtlich erschossen wurden oder sei es, dass sie nach Einnahme der Stadt durch Mord zu Tode kamen. (neuere Schätzungen bis zu 1200 Tote).“

     

     Gewalt und Gegengewalt

     

    Quellenmäßig zu belegen sind etwa 650 Opfer, davon 38 Regierungssoldaten/Freikorps, 233 Soldaten der Roten Armee und 335 Zivilpersonen.

    Die Dunkelziffer weiterer Todesopfer liegt hoch, es wurden teilweise bis zu 400 weitere Tote geschätzt, die wesentlich den Erschießungskommandos der Freikorps zum Opfer gefallen sein dürften.

     

    Beispiele für den Weißen Terror

     

    2. Mai

    Gustav Landauer

     

    Gustav Landauer wurde von Soldaten und Freikorps-Mitgliedern im Gefängnis Stadelheim durch Pistolenschüsse schwer verletzt und schließlich zu Tode getrampelt.

     

    2. Mai

    52 russische Kriegsgefangene wurden von einem Freikorps in einer Kiesgrube bei Gräfelfing erschossen.

     

     5. Mai

    Zwölf Arbeiter wurden am 5. Mai im Garten des Hofbräukellers erschossen wurden und dann von Freikorps-Soldaten ausgeplündert.

     

    6. Mai 1919

    Mord an 21 Kolpinggesellen durch Freikorps-Soldaten

     

    Historisches Lexikon Bayerns:

    „Terror und Willkür setzten sich noch den ganzen Mai hindurch fort. Bei der Durchsuchung von Häusern nach Waffen und Räteanhängern waren Plünderungen, Beschlagnahmungen und Gewalttaten an der Tagesordnung. Berichte der Münchner Polizei wie des Generalkommandos von Oven belegen den Umfang solcher Übergriffe insbesondere aus den Reihen der Freikorps“.

     

    https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wei%C3%9Fer_Terror,_1919

     

    4

    Hans Deuschl

    vom Freikorps Ebersberg-Grafing zur SS

     

    Hans Deuschl ist 1891 in Grafing geboren, als drittes von vierzehn Kindern einer Grafinger Guts- und Brauereibesitzersfamilie. Er studiert in München Medizin, schließt sich dort, wie sein späterer Freund und Gönner , Heinrich Himmler, der Studentenverbindung Apollo an.

    Im März 1919 tritt Deuschl in das Freikorps Ebersberg-Grafng ein und beteiligt sich u.a. an der Niederschlagung der Räterepublik in München. Im Wintersemster 1919/20 studiert er weiter Medizin.

     

    1924 schließt er sich dem Völkischen Block an, wird Ortsgruppenführer des VB in Grafing und wäre im Dezember 1924 für diesen beinahe zum Bürgermeister in Grafing gewählt worden, so wird er nur Gemeinderat.

     

    nach: Wilhelm Boes: Dr. med. Hans Deuschl – Der Begründer der „Führerschule der deutschen Ärzteschaft“ in Alt-Rehse. Kontur-Verlag, Fredersdorf 2014

     

    Völkischer Block

     

    „Das gesamte Programm stand in ‚schärfsten Widerspruch’ zu den Grundwerten der Weimarer Republik. Diverse ‚völkische’ Prinzipien wurden in den Forderungskatalog aufgenommen: der Kampf gegen die sogenannte ‚Kriegsschuldlüge’ , der Ausschluss der Juden von den staatsbürgerlichen Rechten, die Verstaatlichung von Privatbanken sowie der Volks- und Rasseschutz.

    In ihrem Wahlaufruf ließen die Männer des VBl keinen Zweifel daran, dass sie das Parlament ‚von innen heraus zerstören’ wollten.“

     

    aus:

    https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/V%C3%B6lkischer_Block_in_Bayern_(VBl),_1924/25

     

    1929 tritt Deuschl der NSDAP bei, 1931 der SS.

    1931 schreibt er unter dem Titel Deutsche Ärzte wacht auf! im Völkischen Beobachter

     

    Boes, S.46

     

    1933 - 1939 ist er Stellvertreter des Reichsführers des NSDÄB,
    von 1935 bis 1940 Leiter der Führerschule der deutschen Ärzteschaft.

     

    1941 bis 1943 war er Leiter des Gesundheitswesens beim Generalkommissar für Estland in Reval sowie Leiter der dortigen „Deutschen Klinik“.

    In Reval äußerte er sich in einem Brief an seinen Freund Himmler zum Umgang mit russischen Kriegsgefangenen so:

     

    Boes, S.50 und 51

     

    Rainer Stommer (Hrsg.): Medizin im Dienste der Rassenideologie. Die »Führerschule der Deutschen Ärzteschaft« in Alt Rehse., Berlin 2008, S. 54

     

  • Beitrag von Günter Baumgartner


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