Deutscher Gewerkschaftsbund

19.03.2019

Pflegen wie am Fließband?

Der Pflegenotstand in München aus Sicht der Beschäftigten

Pflegen wie am Fließband

KAB/Heinz Neff

Pflegearbeit macht Pflegende krank

Runder Tisch diskutierte gestern mit Beschäftigten und Experten über den Münchner Pflegenotstand


Wie viele Pflegekräfte fehlen in den Münchner Kliniken, Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten? Mehrere tausend, doch exakt quantifizieren lasse sich die Personallücke nicht, meinte Elisabeth Linseisen, Vorsitzende des Katholischen Pflegeverbandes. Empfindlich spürbar seien aber bereits die qualitativen Folgen, so die Pflegewissenschaftlerin gestern im KKV-Hansa-Haus: „Die Pflege wird überall und in jeder Schicht rationiert. Unter Zeitdruck kann einfach nicht mehr alles Notwendige getan werden. Fast alle Pflegekräfte arbeiten ständig mit schlechtem Gewissen.“


Bettina Rödig, Vorsitzende der ver.di Jugend in Bayern, beschrieb den Pflegenotstand aus ihrer eigenen Erfahrung als Krankenpflegerin in Schwabing. Pflegearbeit mache die Pflegenden selbst krank. Burnouts oder Bandscheibenvorfälle seien verbreitet. Während sich die Beschäftigten unter Hochdruck um die Bedürfnisse der Patienten kümmerten, kämen sie selbst kaum dazu, mal eine Pause zu machen, etwas zu essen oder auf Toilette zu gehen. Rödig appellierte an die Kollegen, sich zu organisieren: „Ich wünsche mir, dass mehr Pflegekräfte merken, wie viel Kraft es geben kann, sich endlich für die eigenen Interessen einzusetzen.“


Wie die Belange der Beschäftigten wirksamer artikuliert werden könnten – etwa durch die Vereinigung der Pflegenden oder durch eine Pflegekammer – dazu gab es unter den Referentinnen und im Publikum unterschiedliche Ansichten. Einigkeit bestand darin, dass es insgesamt sehr viel mehr politische Mobilisierung der Pflegekräfte bräuchte.


Die aktuellen Maßnahmen der Politik überzeugten die Diskutanten noch nicht. Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz habe bislang nur zur Verschiebung statt zum Aufbau des Personals geführt. Die von Bundesarbeitsminister Heil geplante Verbesserung des Lohnniveaus durch allgemeinverbindliche Tarife wäre ein großer Schritt nach vorn. Ob er aber auch tatsächlich erfolgen wird, sahen am gestrigen Abend alle skeptisch.


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